Das Café
Von Robert Weber
Er gestand sich ein, dass sie ihn aus seinem Trott geworfen hatte. Also packte er Stift und Block in seine Tasche und begann, eine Tageszeitung zu lesen. Dabei ließ er sein Gegenüber nicht aus den Augen und versuchte, schlau aus ihr zu werden. Wenigstens das klappte im Ansatz.
Am Tisch der Mittvierzigerin hatte sich inzwischen die Bedienung eingefunden, und ein Kaffee wurde bestellt. Als der eintraf, nippte sie zufrieden an der Tasse und warf ihm einen ersten prüfenden Blick zu.
Sein Milchkaffee war inzwischen kalt geworden, und spätestens jetzt überkam ihn das Gefühl, sich lächerlich gemacht zu haben. Dabei war in den letzten Minuten überhaupt nichts geschehen, kein Wort gefallen. Eilig zahlte er und verließ das Lokal.
Die Frau blieb zurück, wohl zufrieden, alleine zu sein. Die Ruhe genießend, begann Sie, die Bedienung beim Polieren der Gläser zu beobachten. Ab und an schweifte ihr Blick prüfend zur Eingangstür. Vielleicht würden ja bald neue Gäste erscheinen. Die Ruhe im Raum erzeugte keine gesonderte Spannung, und so blieb es eine ganze Weile.
Auf einmal füllte sich das Café mit Leben. Gleich zwei, wohl unabhängig auftretende Pärchen nahmen Tische in beschlag und begannen leise raunende Gespräche. Kurz darauf betrat noch ein Herr den Raum. Er griff die Zeitung auf, die der Mann vorher liegen gelassen hatte.
Die Frau verfolgte das Geschehen, mit wachsender Freude und entschloss sich kurzerhand, noch ein weiteres Getränk und ein Stück Kuchen zu ordern. Nach der Ruhephase schienen ihr die neuen Gäste wohl eine willkommene Abwechslung. Anscheinend schien sie noch unschlüssig, auf welchen der Tische sie ihr Augenmerk richten sollte. Die Entscheidung fiel auf den mit dem Zeitung lesenden Herrn.
Sie musterte den Mann, der um die fünfzig zu sein schien, während dieser sich erhob und scheinbar unbeteiligt die Zeitung zum Zeitungsständer trug. Dort orientierte er sich kurz nach den vorliegenden Blättern, entschied sich dann allerdings, ohne neuen Lesestoff zum Tisch zurückzukehren. Auf dem Weg fiel ihm die jüngere Frau auf, und er grüsste mit einem kurzen Nicken. Sichtlich überrascht schaute sie auf und zeigte ihm ein Lächeln.
Er fragte kurz entschlossen, ob er sich zu ihr an den Tisch setzen dürfe, und hielt kurz inne, um ihr Zeit für eine Antwort zu geben. Sie stutzte – sogar recht lange, um dann einladend zu bejahen. Dabei wies sie auf den freien Stuhl gegenüber am Tisch.
Gemächlich holte er nun seine Tasse und nahm platz. Eine zunächst kurzweilige Unterhaltung setzte ein. Er sprach mit gesetzter Stimme, ohne Oberkörper oder Hände groß zum Einsatz zu bringen. Sie antwortete locker mit immer lebendiger werdender Gestik und Mimik. Ihre erfrischende Art begann, den Mann mehr und mehr anzuziehen, und er erwischte sich dabei, dass seine Blicke wanderten.
Auch der Frau entging das nicht, und sie schmunzelte. Ihr wurde aber auch klar, das es dabei bleiben sollte. Sie zog die Beine an und wendete sich ihm demonstrativ zu. Das Knie verschwand unter dem Tisch. Kurzerhand fragte sie, ob er verheiratet sei. Er nickte. Somit war das geklärt. Trotzdem flachte das Gespräch nicht ab. Ganz im Gegenteil. Im Café hatten sich derweilen noch weitere Gäste eingefunden. Die Beiden ließen sich davon nicht stören und plauderten rege miteinander. Dabei kreuzten sich ihre Blick von Zeit zu Zeit, allerdings weniger fragend, eher sich prüfend einschätzend. Man sah, dass sie sich mochten.
Einige Zeit später erhob sie sich und machte Anstalten zu gehen. Überrascht und ein wenig enttäuscht fragte er, was sie noch plane. Er hoffte wohl, die jüngere Frau noch zum Verweilen bewegen zu können, um das Gespräch noch zu verlängern. Das gelang ihm nicht. Sie wollte sich auf jeden Fall noch die Beine vertreten und durch die Innenstadtpassagen Richtung Auto schlendern. Sollte er allerdings Langeweile haben, könne er sie ja noch begleiten. Dieses Angebot nahm er gerne an, hatte er doch in der Tat keine weiteren Pläne für den Tag. Die beiden verließen das Café und schwenkten links über den Platz in Richtung auf eine lang gezogene Allee.
Sie überragte ihn um einige Zentimeter, so dass er beim Sprechen leicht aufschauen musste. Sie gaben ein gutes Paar ab, wenn man denn von einem Paar sprechen konnte. Er hatte ihren Wink von vorher durchaus verstanden und schritt mit leichtem Abstand neben ihr her.
Ihr Weg kreuzte noch mehrere Geschäftsstraßen. An dem ein oder anderen Schaufenster hielten die Beiden inne, aber im Großen und Ganzen waren sie in ihre Konversation vertieft. Als sie den Wagen erreichten, wies die Frau auf eine Bank. Ob er sich nicht abschließend noch mit ihr dort hinsetzen wolle, um den Spätnachmittag ausklingen zu lassen, überraschte sie ihn. Verdutzt folgte er ihr einfach. Sie hatte sein Ja nicht einmal abgewartet. Als sie die Bank erreichten, begann sie zu lachen. Er schaute verdutzt.
"Wir haben jetzt über einige Stunden intensiv miteinander gesprochen, und uns nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Andrea."
Jetzt lächelte er auch.
„Vielleicht begegnen wir uns ja wieder in dem Café, ich denke ich werde jetzt wohl häufiger dort vorbeischauen."
„Gerne", erwiderte er, „und übrigens – ich heiße Achim." Die beiden verweilten noch eine ganze Zeit auf der Bank.
Dann verabschiedete sie sich, huschte, ohne sich umzudrehen, über die Straße und bestieg ihr Auto. Bevor sie abfuhr, warf sie ihm noch einen kurzen Blick zu, dann verschwand sie hinter der Abbiegung.
Zurück blieb ein verdutzter Mann Mitte Fünfzig.